Zu heiß

Seit Monaten verband Viktoria und Wolfgang eine unbeschreibliche Brieffreundschaft.
In den unzähligen Briefen waren sie sich Schritt für Schritt und sehr zaghaft näher gekommen.
Erst nach Wochen getrauten sie sich, sich gegenseitig Fotos zu schicken. Aber auch diese schafften es nicht, sich die Illusionen und Träume, die jeder für sich aufgebaut hatte, zu zerstören. Das Gegenteil war der Fall: Sie wurden immer neugieriger aufeinander und wollten sich nun endlich auch real kennen lernen.

Es war gar nicht so leicht einen geeigneten Termin und eine Möglichkeit für dieses reale Kennen lernen zu finden. Viktoria war durch ihre Krankheit, aber auch durch ihre Verpflichtungen an ihr Haus gebunden. Wolfgang wohnte hunderte von Kilometern entfernt und konnte nicht einfach Urlaub nehmen. Schließlich fanden sie einen Termin an dem Wolfgang Viktoria daheim besuchen würde.

Es begannen Wochen des Wartens, der Vorfreude aber auch der Zweifel, ob dieses reale Treffen nicht alles zerstören könnte, was die Beiden mittlerweile verband. Die Brieffreundschaft hatte sich zu einer wahren Freundschaft entwickelt und jeder konnte sich dem anderen in jeder Hinsicht anvertrauen und fand beim anderen ein offenes Ohr für alle Sorgen und Nöte des Alltags.
Und doch hatten sie wohl auch ein Geheimnis voreinander. Ihre Verliebtheit! Ihre jeweilige reale Situation ließ diese Gefühle einfach nicht zu und doch waren sie bei Beiden da.
Diese Gefühle lebte jeder für sich nur in seinen Träumen und Fantasien aus.
Und je näher das reale Treffen kam, desto mehr fürchteten Beide, dass diese Gefühle nun zum Ausbruch kommen könnten und das Geheimnis platzen könnte.
Was aber dann? Beide waren in ihrem eigenen Umfeld gebunden und eigentlich nicht unglücklich über ihr Leben.

Und dann kam der Tag, ein brütend heißer Sommertag!

Nach einer schlaflosen schwülen Nacht fühlte Viktoria sich schon beim Aufstehen einerseits wie gerädert und andererseits steigerte sie sich in ihre Angst und Aufregung hinein. Es war aber auch schon viel zu spät, das Treffen abzusagen. Wolfgang musste sich bereits mitten in der Nacht auf den Weg machen, um mit Viktoria ein paar Stunden teilen zu können.
Viktoria malte sich aus, was passieren könnte, wenn Wolfgang ihr Geheimnis erraten und spüren würde. Und auch Wolfgang hatte auf der langen Fahrt reichlich Zeit darüber nachzudenken, was alles passieren könnte. Schließlich fragte sich jeder für sich, ob sie nicht Gefahr laufen würden, nicht nur ihre wunderbare Freundschaft aufs Spiel zu setzen, sondern auch, ob dieses Treffen nicht ihre realen doch eigentlich harmonischen und friedlichen Familienleben in Gefahr bringen.

Viktoria erledigte noch ein paar nur ja nicht auffällige und doch gastfreundschaftliche Vorbereitungen für den Besuch und wurde dabei immer wieder von ihren Ängsten und Gedanken gequält. Unter Wolfgangs Autoreifen glitten die die Kilometer nur so dahin und doch kam es ihm vor als käme er nicht vom Fleck. So hatte auch er viel zu viel Zeit zum Denken. Und zeitgleich stieg das Thermometer unaufhaltsam. Bereits kurz vor 10 Uhr zeigte es 30° C an.

Wenige Minuten später klingelte es an Viktorias Haustür. Sie tröstete sich und dämpfte ihre Angst noch mit dem Gedanken: „So früh kann das unmöglich Wolfgang sein!“ So öffnete sie die Tür. Und doch, da stand Wolfgang. Beide gleich verlegen und eingeschüchtert. Beide in der Hoffnung, dass der andere nicht in seinen Fantasien und Träumen lesen könnte. Und doch Beide so vertraut miteinander, dass sie sich zur Begrüßung freundschaftlich umarmen konnten.

Sie verbrachten einige Stunden miteinander. Sie fachsimpelten über ihr gemeinsames Hobby, sie sprachen über Gott und die Welt, sie frühstückten gemeinsam und bei alledem achtete jeder für sich streng darauf, dass es nur ja kein äußeres Anzeichen für ihre geheimen Gedanken gab.
Und doch spürte Viktoria Wolfgangs Blick auf ihre Beine. Und auch Wolfgang spürte Viktorias Sehnsucht.

Währenddessen kletterte das Thermometer unaufhaltsam weiter an die 40° C. Unmöglich bei dieser Hitze sich und seine Gefühle und Fantasien abzukühlen und ebenso unmöglich etwas gemeinsam zu machen, das beider Geheimnis offen legen würde.

Die Uhr tickte unaufhaltsam weiter und die Stunden verstrichen im Fluge. Nach Kaffee und Kuchen wurde es bald Zeit für Wolfgang aufzubrechen.
Und die Minuten des Abschieds vergingen für Viktoria quälend langsam. Einerseits hätte sie Wolfgang gerne einfach festgehalten und ihm ihr Geheimnis anvertraut. Andererseits zerrte sie der Abschied wieder in ihren ganz normalen angstfreien Alltag.
Als Wolfgang sie zum Abschied noch einmal in seine Arme schloss, fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen Traum und Wirklichkeit. Und bei seinem zarten, freundschaftlichen Kuss musste sie sich aus Scham, weil sie so verschwitzt war, abwenden.

Es war einfach zu heiß!

Und so bewahrte sich jeder sein Geheimnis weiterhin und jeder hat sein reales Leben und weiterhin seine Träume und Illusionen.

© Andrea Redmann 2007