Weihnachtsgeschenk

Am Weihnachtstag saßen alle beisammen und doch war jeder einsam. Sie unterhielten sich und doch sprach keiner mit keinem. Sie hörten und doch hörte niemand zu. Sie atmeten und doch bekam keiner Luft. Es war gut eingeheizt äußerlich durch die Heizung und warme Winterkleidung und innerlich durch das üppige Festtagsessen und doch zitterte jeder vor seelischer Kälte.

Plötzlich klingelte es. Es kehrte unnatürliche Ruhe ein durchdrungen von der unausgesprochenen Frage: „Wer wagt es da unser harmonisches Fest der Liebe zu zerstören?“

Erneut läutete es an der Tür. Nun wollte ein jeder sich Luft machen und alle stürzten mit dem Vorsatz an die Tür, dem Störenfried mal ordentlich einzuheizen.

Beim Öffnen der Tür brüllte einer: „Heute ist Weihnachten, da klingelt man nicht an fremden Türen!“ Der andere: „Was fällt Ihnen ein? Das ist Hausfriedensbruch!“ Der Dritte: „Noch nicht mal an Weihnachten hat man seine Ruhe!“

Laut und unbeherrscht ließ jeder seinen Unmut heraus. Vor lauter Gezeter merkte niemand, dass gar niemand vor der Türe stand, der sie hören konnte.

Auf der Fußmatte allerdings lag eine Schachtel, sorgfältig verpackt in schönes aber schlichtes Geschenkpapier.

Das kleinste Kind der Runde hatte sie als erstes entdeckt und trug sie behutsam ins Haus. Nun wurde die Schachtel vorsichtig, ja fast misstrauisch von allen betrachtet.

„Ich habe gehört, dass sich heutzutage auf diese Art und Weise üble Scherze erlaubt werden. Sollen wir die Schachtel wegwerfen?“

„ Ich bin aber doch ein bisschen neugierig, was das soll! Vielleicht gibt uns der Inhalt der Schachtel Aufschluss darüber!“

„Hast Du eine Ahnung?“

„Wer kann die Schachtel dahingelegt haben?“

„Ich muss sagen, mir ist bei dieser Art von Überraschung schon etwas mulmig zumute!“

„Mir auch!“

„Was sollen wir nun tun?“

„Wer hat den Mut die Schachtel zu öffnen?“

„Sollen wir sie nicht erst etwas näher untersuchen?“

Einer hielt sie ans Ohr: „Sie tickt nicht!“

Einer schüttelte sie: „ Es rappelt nichts!“

Einer stellte fest: „ Sie ist sehr leicht!“

Einer ermahnte immer wieder zur Vorsicht.

Schließlich nahm das kleine Kind die Schachtel wieder in die Hand und sagte: „Ihr seid weder ängstlich genug, noch neugierig genug, noch mutig genug. Habt Ihr verlernt, ängstlich, neugierig und mutig zu sein?“

Sprachlos schauten alle zu, wie das Kind vorsichtig, aber voller Neugier und mit Entschlossenheit die Schachtel aus dem Geschenkpapier wickelte und öffnete. Auf dem Boden der Schachtel war ein Zettel angeklebt. Darauf stand:

„Ich habe drei Wünsche, die ich Euch allen zusammen, aber auch jedem einzelnen von Euch schenke:

Einsicht, Umsicht und Nachsicht.

Die Einsicht findet ihr in der Angst des Alleinseins.

Die Umsicht findet ihr in der Neugier des Miteinander.

Die Nachsicht findet ihr im Mut des Füreinander.

Die Liebe!“

Und plötzlich feierten sie das Fest der Liebe!