Theorie und Praxis
Es ist 11:30 und Verena liegt an diesem Samstag immer noch in ihrem breiten
Bett. Eingekuschelt auf einer Betthälfte unter einer dicken Steppdecke,
gekleidet in einem warmen Schlafanzug und Bettsocken. Die Rollläden sind noch
verschlossen. Nur die Nachttischlampe brennt. Auf der anderen Betthälfte stapeln
sich Frauenzeitschriften, Computerausdrucke und ihre persönlichen Notizen. Und
bei all dem Papier geht es Schwarz auf Weiß gedruckt oder notiert um ein Thema,
immer um dasselbe Thema …. um Sex.
Die 41-jährige möchte so vielen Fragen zu diesem Thema endlich auf den Grund
gehen, für sich herausfinden, was sie will, wie sie gestrickt ist und warum ihre
Beziehungen immer wieder an genau diesem Thema scheitern.
Erst vor wenigen Wochen auch an einem Samstag und nach einer diskussionsreichen
aber schlaflosen Nacht hatte Richard sie verlassen. Wenigstens war er so
anständig und gab ihr eine Begründung. Er erklärte ihr: „Wir können wirklich
gute Freunde sein und ich kann mit Dir auch über alles, wirklich alles sprechen,
aber auf der Matratze nutzt uns all diese Theorie nichts. In der Praxis sprechen
wir unterschiedliche Sprachen. Und mir ist die Praxis einfach wichtiger als die
Theorie.“
Verena erstaunte es, dass sie überhaupt mal eine Erklärung für das Ende einer
Beziehung bekam, so sehr, dass ihr wortlos der Mund offen stand, bis Richard ihr
seinen Wohnungsschlüssel auf den Tisch gelegt hatte und mit seinen wenigen
Habseligkeiten in einer Reisetasche die Wohnung verlassen hatte.
Nein, sie war nicht beleidigt, denn sie erkannte die Wahrheit in Richards Worten
sofort. Sie war einfach nur baff. Zum ersten Mal war eine Beziehung ohne offene
Fragen auseinander gegangen.
Und als ihre Wohnungstüre von Außen geschlossen wurde, fiel sie zum ersten Mal
nicht jammernd und klagend aufs Bett und verteufelte die gesamte männliche
Menschheit.
Stattdessen machte sie sich kurz frisch und schon wenige Minuten später stand
sie am Zeitungskiosk und kaufte sämtliche Zeitschriften und Magazine auf deren
Titelblatt das Wort „Sex“ in dicken farbigen Lettern aufgedruckt war. Wieder
daheim, recherchierte sie sofort im Internet und druckte sich etliche
augenscheinliche Informationsberichte zum besagten Thema aus, bis ihr Drucker
mangels Tinte streikte. Schließlich legte sie sich ihre ganz persönliche
„Sex-Kartei“ in einer Kladde an. Darin wollte sie sich verdeutlichen, wie ihre
Beziehungen auf der Ebene „gelaufen“ waren.
Schließlich durchforschte sie noch die Fernsehzeitung und notierte sich alle
„wissenschaftlichen“ Sendungen, die das Thema „Sex“ und sei es auch nur im
Entferntesten ansprachen.
Mit diesen Aktivitäten hatte sie die ersten und meist schwersten Momente einer
Trennung dieses Mal ziemlich emotionslos und augenscheinlich schnell und gut
überwunden. Ja, die Trennung von Richard motivierte sie regelrecht, sich mal mit
sich selbst auf einem ganz bestimmten Gebiet auseinander zu setzen.
Und so verbrachte Verena jede freie Minute seit diesem entscheidenden
Samstagvormittag mit ihrem neuen „Hobby“. Nach der Arbeit huschte sie jeden Tag
kurz in den kleinen Laden an der Ecke, besorgte sich die nötigsten Lebensmittel
und die neusten Zeitschriften mit dem kleinen Wort auf der Titelseite.
Daheim angekommen und nach dem hastigen Abendessen und der vorgezogenen
Abendtoilette kuschelte sie sich in ihr Bett und las und las und las.
Zunächst ging sie mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an ihre Lektüre heran und
notierte sich die für sie selbst anscheinend wichtigsten Informationen in einem
gesonderten Heft. Bald aber erkannte sie die Widersprüchlichkeit der ach so
wissenschaftlichen Berichte.
Während man laut Aussage der Zeitung A schon bei zweimal Sex in der Woche
gefährdet war, sexsüchtig zu werden, beklagte der Bericht in Zeitschrift B, dass
in Beziehungen zu wenig Zeit für Sex eingeplant würde; mindestens dreimal die
Woche sollte jeder sexuell befriedigt werden, um im restlichen Alltag
ausgeglichen, gelassen und doch konstruktiv und konzentriert arbeiten zu können.
Verena schüttelte immer häufiger grinsend den Kopf und bekam hier und da sogar
einen herzhaften Lachanfall, wenn z.B. eine Zeitschrift in einem Artikel eine
Garantie für den unbeschreiblichsten und sensationellsten Orgasmus garantierte,
wenn man vor dem Sex und beim Sex einige Regeln und diese in der genauen
Reihenfolge und Zeitvorgabe einhielt.
Und so vergingen ein paar Wochen und Verena wurde der Berichte und Theorien zum
Thema Sex überdrüssig. Dennoch wollte sie sich selbst endlich auf die Spur
kommen. Hier und da hatte sie sich bei der Lektüre der Berichte zwar anders und
irgendwie merkwürdig angesprochen gefühlt, aber der Frage, warum dies so war und
was diese „Berührung“ zu bedeuten hatte, hatte sie sich noch nicht gestellt.
Seit dem letzten Wochenende hatte sie die Lektüre von Zeitschriften und Artikeln
aufgegeben und sich ihrer „Sex-Kladde“ gewidmet.
Zu jeder Beziehung und zu jedem Lebensabschnittsgefährten hatte sie sich ihre
ganz persönlichen Stichpunkte in Bezug auf Sex notiert.
Oh, Nein! So viele Partner hatte sie in ihrem bisherigen einundvierzigjährigen
Leben noch nicht gehabt, aber ihre persönliche Definition von Sex begann schon
weit vor dem Spiel, der Akrobatik und den Techniken der körperlichen Vereinigung
zweier Menschen.
Es war für sie ein sexuelles, aufregendes und auch befriedigendes Erlebnis, als
„Chatman“ (dessen realen Namen sie noch nicht einmal kannte), sie mit Worten
verführt hatte. Seine Worte, die Schwarz auf Weiß im Chatfenster erschienen
waren, hatten sich beim Lesen und in ihrer Fantasie zu Bildern geformt und ihr
Körper hatte ohne reale Berührung sehr intensiv reagiert.
Oder als sie damals nach einem arbeitsreichen Tag mit ihrem Kollegen Franz noch
zum Essen ausgegangen war. Während des Essens erzählte er oberflächlich
glücklich von seiner Familie. Verena hatte unbemerkt unterm Tisch die Schuhe
abgestreift und die müden Beine ausgestreckt. Dabei war sie mit ihrem nackten
Fuß unbeabsichtigt in sein Hosenbein geraten und fühlte sofort die glatt
rasierten Männerbeine und sie erlebte einen wohligen Schauer der sexuellen
Erregung.
Und da gab es neben den realen Partnern auch noch einen - ihren „Traummann“.
Immer wieder träumte sie von einem Mann ohne Gesicht, aber mit in ihren Augen
sexuellen Eigenschaften, die sie sehr erregten und sogar im Schlaf seufzen
ließen. Mal war dieser Mann ihr persönlicher Butler, mal war dieser Mann mit
Damenwäsche bekleidet, mal war dieser „Traummann“, der ihr nur immer im
Nachttraum begegnete, ein weinender, schwacher Mann. Diese Eigenarten des
„Traummannes“ überschütteten Verena regelrecht mit sexuellen Fantasien und
Wünschen.
Es ist 17:30 und Verena liegt an diesem Samstag immer noch in ihrem breiten
Bett. Eingekuschelt auf einer Betthälfte unter einer dicken Steppdecke,
gekleidet in einem warmen Schlafanzug und Bettsocken. Die Rollläden sind noch
verschlossen. Nur die Nachttischlampe brennt. Auf der anderen Betthälfte stapeln
sich Frauenzeitschriften, Computerausdrucke und ihre persönlichen Notizen. Und
bei all dem Papier geht es Schwarz auf Weiß gedruckt oder notiert um ein Thema,
immer um dasselbe Thema …. um Sex.
Verena springt auf, entsorgt all das bedruckte und beschriebene Papier, geht ins
Bad schaut in den Spiegel und lacht: „Ich habe meine eigene, natürliche,
individuelle und sehr mannigfaltige Sexualität! Womit die Theorie geklärt wäre
und in der Praxis werde ich herausfinden, ob es einen Partner gibt, der meine
Sexualität annehmen, teilen und ergänzen kann. Hauptsache ich bleibe mir selber
treu!“
© Andrea Redmann