Die Tasse
Eigentlich war an diesem Morgen alles wie an jedem anderen Morgen auch. Laras Mann war auf dem Weg zur Arbeit und die Kinder versorgt und auf dem Weg zur Schule. Für Lara begannen nun die ganz alltäglichen Arbeiten einer Hausfrau. Die ersten Handgriffe gingen ihr auch wie gewohnt locker und schnell von der Hand. Und als sie ihre Haussklaven, wie sie ihre fleißigen elektrischen Helfer nannte, zur Arbeit angeleitet hatte, kochte sie sich einen Cappuccino und setzte sich heute mit dieser ihrer besonderen Tasse an den Tisch und gönnte sich eine Pause.
Heute glitt ihr Blick immer wieder auf diese Tasse. Eigentlich war es keine besonders wertvolle oder ausgefallene Tasse. Ein einfacher Kaffeebecher mit Aufschrift. Aber genau diese Aufschrift war für Lara das Besondere. In verschiedenen Sprachen und Schriftzeichen stand auf dieser Tasse: „Wie geht es Dir?“
Als Lara ihre Sentimentalität auffiel, schüttelte sie den Kopf stand vom Küchentisch auf und ging ihren weiteren Arbeiten im Haushalt nach. Erst nachdem sie die Betten gemacht und in den Kinderzimmern die Spielsachen zusammengeräumt hatte, ging sie wieder in die Küche.
Wieder fiel ihr Blick sofort auf diese Tasse. Sie stand noch halbvoll auf dem Küchentisch. Bevor Lara den Staubsauger aus der kleinen Abstellkammer holte, nahm sie noch einen kalt gewordenen Schluck Cappuccino, verzog das Gesicht und schüttete den Rest in den Ausguss. Auch dabei ertappte sie sich, dass sie diese Tasse irgendwie heute besonders behandelte. Sie spülte sie aus und stellte sie auf das Abtropfbrett.
Wieder schüttelte sie ihren Kopf, als wolle sie die Erinnerungen an die Geschichte dieser Tasse abschütteln. Aber während sie staubsaugte, lockten ihre Gedanken sie in die Erinnerung:
Vor vielen Jahren, Lara war gerade erst wenige Monate aus ihrem Elternhaus in eine fremde Stadt gezogen, um dort zu studieren, hatte sie sich mit einem Kommilitonen befreundet und ihm des Öfteren eingestanden, dass sie mehr Heimweh hatte, als sie je vermutet hätte. Dieser Freund hörte ihr immer wieder lange und aufmerksam zu, wenn sie aus ihrer Kindheit erzählte. Es waren heitere und traurige Erinnerungen, aber was sie am meisten vermisste war, dass sie niemand aus ihrer Jugend mehr fragte: „Wie geht es Dir?“
Immer war sie es, die versuchte die Freundschaften aus der Schulzeit zu erhalten oder wieder zu wecken. Immer war sie es, die aus sich heraus den Verwandten Hilfe anbot.
Von diesem Freund bekam Lara diese Tasse dann zu ihrem Geburtstag. Seither, benutzte Lara diese Tasse immer dann, wenn sie sich mal wieder einsam und unverstanden fand.
Aber heute, an diesem Tag fühlte sie sich nicht einsam und unverstanden. Warum setzte sich diese Tasse ihr heute so in den Kopf?
Wieder versuchte Lara ihre Gedanken abzuschütteln. Ein wenig Ablenkung fand sie beim Einkaufen und Kochen. Aber als sie dann die Tasse und das andere Geschirr in ihren Haussklaven „Spülmaschine“ einräumen wollte, passierte es:
Sie schlug die Tasse versehentlich und noch nicht einmal grob an eine andere Tasse und ihre Tasse sprang entzwei.
Lara konnte ihre Tränen nicht unterdrücken. Fast fassungslos hielt sie die Scherben in der Hand und schluchzte: „Und wer fragt mich jetzt, wie es mir geht?“
© Andrea Redmann 2005