Drei Tannen

 

An einem trüben kalten Novembertag kam ein junger Mann zu seinem Vater. Das nasskalte Wetter schien die Gemütslage des jungen Mannes geradezu wiederzuspiegeln und der Vater sah ihm dies gleich an den Augen an und fragte: „Mein Kind, was ist mit Dir los? Was kann ich für Dich tun?“

Zögernd antwortete der Sohn:“ Ich weiß nicht, was mit mir los ist und somit weiß ich auch nicht, was Du für mich tun kannst. Ich fühle mich in drei Teile zerrissen.“

Matt ließ der junge Mann sich in einen alten Sessel fallen, der ehemals seinem Großvater gehört hatte.

Nach wenigen Minuten einer angespannten Stille trat sein Vater auf ihn zu, packte ihn bei den Schultern und sagte:“ Heute ist der Tag gekommen, an dem ich Dir die Wahrheit zeigen und sagen muss!“

Erschrocken blickte der junge Mann seinen Vater fragend an.

Dieser aber zog ihn aus dem Sessel und führte ihn ans Fenster. Er zog die Gardinen beiseite und fragte: „Was siehst Du?“

„Ach, Vater! Was soll ich dort sehen?“ Mit einem Mal richteten sich die Blicke des jungen Mannes auf eine kleine Baumgruppe mit drei Tannen.

Sein Blick haftete auf diesen Bäumen und plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge viele Bilder: Wie oft war er zwischen diesen Tannen hin und her gelaufen, bis er ganz schwindelig ins Gras fiel? Wie oft hatte er sich an den Nadeln gepiekst und wie oft klebte der Baumharz an seinen Händen. Auch geärgert hatte es sich über diese Tannen. Im Gegensatz zum alten Apfelbaum in einer anderen Ecke des Gartens waren diese Tannen nie zu erklimmen gewesen.

Sein Vater stand eine ganze Weile wortlos neben ihm. Mit der Hand auf der Schulter seines Sohnes schien er ihm nicht nur Halt zu geben, sondern selbst auch zu fühlen, welche Bilder sein Sohn sah.

Nach einer ganzen Weile ließ der Vater vom Sohn ab. Jetzt hatte der Sohn genügend Kraft, die Erinnerungen alleine zu betrachten.

Leise trat der Vater an seinen Schreibtisch, schloss die einzige verschließbare Schublade auf, zog sie langsam auf, schob ein kleines mit einer zarten Seidenschleife geziertes Bündel Briefe sowie ein unscheinbares Kästchen mit Erinnerungsschätzen beiseite. Darunter verbarg sich ein versiegelter Brief. Diesen nahm er mit Bedacht heraus und schmunzelte, als er seine eigene Handschrift erkannte: „An mein Kind!“

Sein Sohn stand immer noch am Fenster und starrte gedankenverloren auf die drei Tannen.

Der Vater zündete ein Feuer im Kamin, öffnete eine Flasche Rotwein, zündete viele Kerzen an und setzte sich in seinen Sessel. Geduldig wartete er bis sein Sohn sich ihm zuwandte:

„Vater, was bedeuten diese drei Tannen?“

„Mein Sohn, setze Dich in meines Vaters Sessel!“ forderte der Vater.

Der Sohn sank wieder in den Sessel und schaute seinen Vater erwartungsvoll an. Dieser nahm behutsam den versiegelten Umschlag, überreichte ihn seinem Sohn und bat ihn, das Siegel zu brechen, denn er sei dieses Kind.

Der Sohn schaute sich den Umschlag fragend an, brach das Siegel und zog einen Briefbogen aus dem Kuvert. Er entfaltete das Blatt und erkannte jetzt erst die Schrift seines Vaters. So reichte er den Brief an seinen Vater zurück und bat: „Bitte, lies ihn mir vor!“

Im Kerzenschein und gestärkt mit einem Schluck Wein waren Vater und Sohn bereit für die Wahrheit; der Vater seine eigenen Worte vorzulesen, der Sohn diese Worte zu hören:

„Mein liebes Kind!

Seit Stunden liegt Deine Mutter in den Wehen, Dir das Leben zu schenken. Auch ich möchte Dir Dein Leben schenken.

Ich bin in den Garten gegangen und habe drei winzig kleine Tannen gepflanzt, nicht zu dicht beieinander aber doch dicht genug.

Eines Tages wirst Du vor mir stehen, Dich zerrissen fühlen und mich nach dem Sinn des Lebens fragen. Du wirst nicht wissen, was mit Dir los ist und was Du tun sollst. Es wird der  Tag sein, an dem Du spürst und denkst, erwachsen geworden zu sein. Und für diesen Tag schreibe ich Dir diesen Brief.

Die drei Tannen, mein Kind, sie haben Namen.

Sie tragen gemeinsam Deinen Namen und doch hat jede ihren eigenen Namen. Eine heißt „Körper“, eine heißt „Geist“ und die dritte trägt den Namen „Seele“!

Mein Kind!, nur so kann ich Dir Leben schenken und Dir zeigen, dass es nur eine Wahrheit gibt und diese Wahrheit heißt „Leben“. Nimm die drei Tannen als Dein Spiegelbild an! Sie werden Dir alle Fragen beantworten.“

Der Vater faltete den Briefbogen sorgsam zusammen und überreichte ihn seinem Sohn. Sie prosteten sich zu, traten gemeinsam ans Fenster und erhoben erneut das Glas. Mit dem Blick auf die drei Tannen, auf Körper, Geist und Seele sprachen sie den Trinkspruch aus:

„Auf das „Leben“!“