Beine bekommen Kekse

 

In einem Haus wohnten drei Generationen unter einem Dach. Einstmals war es das Haus eines Paares mit deren sechs Kindern. Im Laufe der Jahre waren drei Kinder ausgezogen, der Hausherr verstorben, eine Schwiegertochter und drei Enkelkinder hinzugekommen.

So bewohnten das Erdgeschoss die alte Dame und zwei ihrer Töchter. Und wo einst die Kinderzimmer waren, lebte nun der jüngste Sohn mit seiner Frau, zwei Söhnen und einem Mädchen.

Jeden Morgen herrschte ein wildes Durcheinander im Haus während die Mutter die drei Kinder für die Schule richtete und der Vater und seine beiden Schwestern sich auf den Weg zur Arbeit machten.

Die Oma wurde nie vergessen. Einer servierte ihr das Frühstück ans Bett, der nächste brachte ihr die Tageszeitung. Einer erkundigte sich nach ihrem befinden, der andere jammerte sich kurz bei ihr aus. ...

Nur das kleine Mädchen hatte tagtäglich das gleiche Ritual. Es polterte beladen mit dem Schulranzen die Treppe hinunter und stürmte ohne Anzuklopfen in Omas Schlafzimmer. Dort zur Ruhe ermahnt, verband es mit dem Guten-Morgen-Gruß die Frage: „Oma, bekomme ich ein Plätzchen?“ Und Oma antwortete tagtäglich: „Mit einem Bein kann man nicht gehen. Du darfst Dir zwei Kekse nehmen!“

Behutsam öffnete das Mädchen den alten Bücherschrank, in dessen unterstem Fach die Keksdose stand. Mit dem Öffnen der Dose verschwand der Geruch nach alten Büchern und das Aroma der begehrten Kokosplätzchen strömte in die kleine Nase.

Wie groß war die Versuchung mal eins mehr zu stibitzen. Aber gleichsam klang im anderen Ohr die stille Ermahnung: „Wenn ich Dich ertappe, mehr als zwei Kekse zu nehmen, wirst Du einige Tage ohne Wegzehrung zur Schule gehen müssen!“

Also nahm das kleine Mädchen wirklich nur zwei Plätzchen und machte sich auf den Weg zur Schule.

Auf diesem Weg schlichen sich immer öfter Gedanken an eine List in den Kinderkopf.

So verging Tag für Tag und Woche für Woche.

Eines Tages, als das Kind wieder die Keksdose öffnete, rief sie zur Oma rüber: „Oma, ich bin schon viel größer und komme auf dem Schulweg nicht mehr mit nur zwei Keksen aus!“

Oma antwortete ruhig: „ Du hast nur zwei Beine und das wird immer so sein, also reichen auch zwei Kekse!“

Artig und ermahnt nahm das Mädchen die beiden Kekse und wieder vergingen Tage und Wochen.

Mittlerweile hatte das Mädchen die Grundzüge des Lesens, Schreibens und Rechnens in der Schule gelernt und mit jedem Tag wuchs das Wissen und auch der Wortschatz des Kindes.

Eines Morgens jubelte die Kleine: „Oma, ich habe auch ein Steißbein! Bekomme ich für dieses Bein ein Plätzchen extra?“

Ruhig antwortete die alte Frau: „Mit dem Steißbein kann man nicht gehen!“

Das Kind begnügte sich wieder mit den beiden begehrten Plätzchen.

Einige Tage später musste das „Brustbein“ herhalten, obwohl dem Mädchen klar war, dass man dieses auch nicht zum Gehen braucht. Und wieder kam von der Großmutter ruhig die Antwort: „Du hast zwei Beine und für jedes dieser Beine darfst Du ein Plätzchen nehmen.“

Eines Tages, viele Wochen waren vergangen und das Mädchen hatte es bereits lange aufgegeben, ein oder gar zwei Kekse mehr zu ergattern, kam es etwas verschnupft an Omas Bett, grüßte und bat um die Wegzehrung. Dabei zog es so leise wie irgend möglich die triefende Nase hoch.

Da lachte die Oma und sagte: „ Heute musst Du Dir drei Kekse nehmen!“ Verwundert antwortete das Mädchen, es habe doch nur zwei Beine zum Gehen. Da lächelte die Oma erneut und sprach: „ Du hast auch ein Nasenbein und die Nase sollte nicht laufen, sondern gehen!“

Das Mädchen nahm voller Freude das dritte Plätzchen, setzte sich zur Oma ans Bett, futterte eins der Kekse und putzte sich dann die Nase: „Es wirkt, Oma! Die Nase geht wieder!“

Dann machte sich das Mädchen wie gewohnt mit der üblichen Wegzehrung auf den Schulweg.