Weihnachten fällt nicht aus
Beim Einkaufen entdeckte sie bereits im September die ersten Weihnachtsleckereien in den Supermarktregalen. In all den Jahren zuvor konnte sie dann nicht widerstehen, kaufte diese verführerischen Leckereien und naschte mit einem Lebkuchen, einem Spekulatius oder einem Dominostein die Vorfreude auf das Fest oder wunderschöne Erinnerungen an das Fest.
In diesem Jahr sollte nun alles anders werden. Viele Ereignisse hatten über das Jahr die Familie verkleinert bis es schließlich für sie keine Familie und keine Liebe mehr gab.
Wozu sollte sie sich nun auf das Fest der Liebe und der Familie freuen? In diesem Jahr stellte sich einfach keine Vorfreude ein und die Erinnerungen verloren ihren Glanz und Zauber. Schließlich schmerzten die Erinnerungen dermaßen, dass sie für sich beschloss: „Weihnachten fällt dieses Jahr für mich aus!“
An den verführerischen Leckereien in den Supermarktregalen ging sie achtlos vorbei. Auch alle Vorbereitungen auf das Fest vermied sie. Sie bastelte keine Grußkarten. Sie besorgte keine Geschenke. Sie schmückte nicht ihr Heim.
Die Wochen zogen ins Land, indem sie versuchte mit aller Kraft den schmerzenden Erinnerungen und den fehlenden Hoffnungen aus dem Weg zu gehen.
Der erste Dezember rückte immer näher. Es wurde immer schwerer dem nahenden Fest aus dem Weg zu gehen. Sie brauchte nur das Haus zu verlassen und sah überall, wie emsig Familien sich auf das Fest der Liebe vorbereiteten. Viele schmückten ihre Häuser mit bunten Fensterbildern, Türkränzen und Lichterketten. In all den Geschäften trällerte unaufhörlich Weihnachtsmusik und die Menschen drängten sich gehetzt und gestresst durch die Läden und in den Warteschlangen an den Kassen. Die dunklen Straßen waren durch Weihnachtsbeleuchtung fast aufdringlich und verschwenderisch beleuchtet. Es schien noch nicht mal mehr eine richtige Nacht zu geben.
Traurigkeit und Einsamkeit wuchsen in ihr immer mehr und der seelische Schmerz schien ihr immer unerträglicher. Dennoch versuchte sie weiterhin dem nahenden Weihnachtsfest aus dem Wege zu gehen.
In der Nacht zum ersten Dezember überraschte sie ein Traum: Im Traum war sie durch die dunklen kalten Gassen einer ihr eigentlich vertrauten Kleinstadt gezogen. Hier gab es keine Straßenlaternen und schon gar keine Lichterketten. Jeden Schritt in dieser Finsternis machte sie mit Bedacht und Vorsicht. Plötzlich sah sie ein ganz kleines Licht und ging darauf zu. In einem kleinen Fenster stand eine einfache weiße brennende Kerze. Wie erstarrt blieb sie in ihrem Traum vor diesem Fenster stehen und starrte in dieses zarte wärmende Licht. Die Wärme umhüllte sie und im Kerzenschein öffnete sich das Tor zu all ihren Erinnerungen wieder.
Als sie am Morgen des ersten Dezember aufwachte, fühlte sie immer noch diese Wärme. Sie stand auf ging ins Bad und schaute in ihr Spiegelbild: „Heute beginnt eine besinnliche Zeit für Dich! Nutze diese Zeit!“
Sie nahm ihr Tagewerk auf und immer wieder fiel ihr auf, dass sie all diese Erinnerungen und auch das bevorstehende Fest nicht verleugnen konnte.
Es würde ein neues ein anderes Fest für sie werden in diesem Jahr, aber ausfallen würde das Fest nicht.