Angsthase

Der kleine Hase saß geschützt unter einem Busch am Rand einer Lichtung und beobachtete den ganzen Tag, was dort alles geschah.
Da zankten sich zwei Amseln um einen Regenwurm.
Da trottete die Igelfamilie und es schien als zeigte die Igelmutter ihren Kindern die Welt mit all ihren Schönheiten, aber auch mit ihren Gefahren.
Die Blumen wiegten sich im leichten Wind und drehten ihre Blüten immer wieder der Sonne entgegen.
Und als der Förster sich zu seiner Brotzeit auf einen Baumstumpf setzte, war kein Tier mehr zu sehen.
Abends kamen die Rehe zu dieser Lichtung und verschwanden später wieder im Wald.

Nur der kleine Hase hatte sich wie an allen anderen Tagen nur wenige Schritte aus seinem Bau an den Waldrand gewagt.
Er fragte sich: Wie mag es sein den Kopf der Sonne entgegen zu strecken? Wie mag es sein diese Wiese zu entdecken?
Alleine traue ich mich nicht, diese Welt zu entdecken, erkannte der kleine Hase und beschloss am nächsten Tag einen Freund zu suchen, der ihm helfen könnte.

Am nächsten Morgen schon in der Dämmerung setzte der kleine Hase sich wieder an seinen Aussichtspunkt unter dem dichten Gebüsch. Schon wenige Minuten später kamen die Rehe. Obwohl sein Hasenherz hämmerte und er mächtig Angst hatte, die Rehe anzusprechen, fasste er schließlich allen Mut zusammen und hoppelte auf ein Reh zu.
„Hallo, ich bin der Angsthase, willst Du mein Freund sein und mit mir die Welt entdecken?“
„Hau ab! Mit Angst will ich nichts zu tun haben!“
Traurig trottete der kleine Hase wieder in sein sicheres Versteck.

Eine Weile später zupfte genau vor seinem Versteck eine Amsel einen Regenwurm aus der Erde. Der kleine Hase sprach sich selbst Mut zu und er flüsterte: „Hallo Du! Ich bin der Angsthase. Darf ich Dein Freund sein und mit dir die Welt entdecken?“
Die Amsel ließ ihren Wurm fallen und krächzte zurück: „Nein Du kannst nicht mein Freund sein. Ich mag keine Angst und schon gar keinen Angsthasen.“ Dann hüpfte sie auf die Lichtung und flog davon.

Am frühen Abend kam die Igelfamilie auf die Lichtung und die Igelmutter zeigte ihren Kindern, wie sie sich einkugeln konnten, wenn Gefahr drohte.
Die werden mich verstehen, dachte der kleine Hase und fasste noch einmal allen Mut zusammen und hoppelte zu der Igelfamilie.
Bevor er sich vorstellte, versuchte er es erst einmal den Igelkindern gleich zu tun und sich einzuigeln. Da sprach die Igelmutter ihn an: „ Hallo kleiner Hase, hast Du keine Angst?“
„Do… doch!“ stotterte der kleine Hase und stellte sich dann der Igelmutter artig und mit zittriger Stimme vor: „Ich bin der Angsthase und suche Freunde, mit denen ich die Welt entdecken kann. Wollt Ihr meine Freunde sein?“
„Ja!“ sagte die Igelmutter und erklärte ihren Kindern: „Die Angst kann ein sehr guter Freund sein, der einen davor beschützt in Gefahr zu geraten und bei Gefahr richtig handeln lässt. Die Angst macht uns vorsichtig und umsichtig.“


© Andrea Redmann 2008