Besuch bei einer alten Frau

Auf der Suche nach ganz persönlichen und individuellen Weihnachtsgeschenken für Lenas Nichte Claudia und Neffen Tobias hatte sie auch den Weihnachtsbasar der Kirchengemeinde in ihrer kleinen Stadt besucht. Dort hatte sie einige Handarbeiten entdeckt und erstanden.
Beim Bezahlen hatte sie sich erkundigt, wer denn all diese Mützen, Schals, Pullis und Pullunder gestrickt und die Puppenkleider und Straßenteppiche genäht hatte.
Seither wusste sie den Namen der alten Dame und hatte sich fest vorgenommen, diese Frau an einem ruhigen Januartag zu besuchen.
Heute nun machte sich Lena auf den Weg zu der alten Dame. Lena wusste nicht, was sie im Altenwohnheim erwartete und wie Frau Friedrichs reagieren würde, aber Lena hatte sich auf diesen Besuch gut vorbereitet.
Sie hatte sich Tobis Antwortmail ausgedruckt und eingesteckt und sie hatte in einem Wollgeschäft einen kleinen Restposten guter Wolle erstanden.
An der Rezeption erkundigte sie sich nach dem Zimmer der alten Dame.
„Das ist aber eine Überraschung, dass Frau Friedrichs mal Besuch bekommt! Ich kann Ihnen nur nicht garantieren, dass sie sich über Ihren Besuch freuen wird. Einen Versuch ist es aber allemal wert. Kommen Sie bitte mit, ich zeige Ihnen, wo sie Frau Friedrichs finden.“
So begleitete die Krankenschwester Lena zum Zimmer der alten Dame.
„Frau Friedrichs, Sie haben Besuch!“ Mit diesen Worten traten Lena und die Krankenschwester in das karge Zimmer. Weiße Wände, ein weißes Krankenbett, ein weißer Schrank, ein kleiner weißer Tisch und zwei weiße Stühle vermittelten eine eisige Atmosphäre. Keine Blumen, keine Bilder, keine Bücher! Nichts gab dem kargen Raum einen Farbtupfer!
Lena schaute sich verwundert um und konnte sich nun gar nicht vorstellen, dass die alte weißhaarige Frau, die im Bett saß und in den Raum starrte, all die wunderbaren Handarbeiten gefertigt hatte. So wandte sich Lena an die Krankenschwester: „Das ist doch nicht Frau Friedrichs, die all die wunderbaren Handarbeiten für den Kirchenbasar arbeitet, oder?“
„Doch!“ antwortete die Krankenschwester. Dann flüsterte sie Lena zu: „Sie ist auf eigenen Wunsch hier in diesem kargen Raum. Sie hat kein Geld mehr, von dem wir ihr Handarbeitsmaterial besorgen können. Und nun fühlt sie sich hier auf dieser Welt nutzlos und wartet auf den Tod.“
Beherzt schob Lena die Krankenschwester mit den Worten „Bitte lassen Sie mich mit Frau Friedrichs alleine!“ aus dem Zimmer.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ herrschte Frau Friedrichs nun Lena an. Lena ließ sich aber nicht beirren. Sie zog einen der weißen Stühle ans Bett und setzte sich. Weiter wortlos öffnete sie ihre Handtasche und zog die ausgedruckte Mail ihres Neffen hervor.
Dann begann sie vorzulesen:
„Liebe Lena!
Der Pulli ist total stark. Erst wollte ich ihn ja gar nicht anziehen. Man sieht ja, dass er gestrickt ist. Aber der rote Ferrari vorne drauf ist einfach der Hammer. So einen Pulli hat sonst keiner.
Auch der Straßenteppich ist einfach spitze. Ich lege mir aus den Stücken immer wieder neue Rennstrecken und lasse meine Autos darüber flitzen.
Claudi ist auch ganz happy mit ihren Sachen. Pink ist nun mal ihre Farbe und mit dem Schal, der passenden Mütze und Handschuhen führt sie sich auf wie eine Prinzessin. Pah, diese kleine stolze Göre! Mir wäre das peinlich, so aufzufallen, aber sie genießt es. Und dann nimmt sie ihre Puppe nun überall mit hin und gibt damit an, dass diese blöde Puppe und sie im Partnerlook rumlaufen. Und alles Pink! Ich hasse diese Farbe, aber Mama sagt immer ich soll doch als großer Bruder einfach vernünftig sein und ihr ihren Spaß lassen.
Na, solange sie mir meine Sachen nicht wegnimmt, will ich mal nicht so sein.
Ach, ja! Ich soll Dir ja noch von Claudi und mir Danke sagen für die Sachen!
Bis zum nächsten Paket von Dir
Dein Tobi

P.S.: Mensch, Schwesterchen, es ist immer ein Kampf meine Kinder dazu anzuhalten, Dir wenigstens ein paar Zeilen zu schreiben und sich zu bedanken. Dieses Mal war es aber nicht das Schreiben, sondern eher der Inhalt der Mail. Tobi ist von dem Straßenteppich derart begeistert, dass er bei Dir umgehend ein Ergänzungsset bestellen wollte, damit er den Nürburgring nachlegen kann. Und Claudi möchte unbedingt noch den Partnerlook für ihren Teddybären haben.
Ich habe den beiden in mühevoller Kleinarbeit und mit den dollsten Argumenten klar gemacht, dass das nicht geht. Aber warum eigentlich nicht? So weißt Du, worüber die Kinder sich zu Ostern freuen würden und brauchst Dir nicht mehr den Kopf zu zerbrechen.

Ich danke Dir Schwesterchen. Aber ich werde nie begreifen, wie Du es immer wieder schaffst, derart gelungene und besondere Geschenke aufzutun.

Liebe Grüße
Karin“

Nun erst schaute Lena die alte Dame wieder an, die stumm zugehört hatte. Es blieb noch einige Minuten still in dem kargen weißen Raum und Lena wollte sich schon verabschieden und gehen, als Frau Friedrichs sie um ein Papiertaschentuch bat.
Mit zittriger Stimme stotterte sie nun: „Sie heißen also Lena! Und sie haben eine Nichte und einen Neffen.“ Frau Friedrichs wisch sich mit dem Papiertaschentuch die Tränen der Rührung aus dem Gesicht und setze mit nun festerer Stimme fort: „Aus dem Nürburgring und aus dem Partnerlook für den Teddy kann aber nichts werden. Ich handarbeite nicht mehr. Aber schön zu hören, dass meine Handarbeiten gefallen haben.“
„Frau Friedrichs, so war das nicht gemeint! Sie brauchen diese Sachen für die Kinder nicht zu machen! Aber tun Sie doch bitte etwas für sich!“
Lena legte der alten Dame die weiße Plastiktüte mit der Wolle auf den Schoß, reichte Frau Friedrichs die Hand und verabschiedete sich mit den Worten: „Danke und auf Wiedersehen!“

Sie ging gerade den Flur entlang, als die Krankenschwester an ihr vorbei sauste. Lena drehte sich um und sah, dass sie in Frau Friedrichs’ Zimmer ging.
An der Rezeption wartete Lena nun geduldig aber sehr aufgeregt bis die Krankenschwester zurückkam.
„Ist etwas mit Frau Friedrichs?“ fragte Lena dann die Krankenschwester.
„Das kann mal wohl sagen! Kommen Sie doch bitte noch mal mit!“
Leise öffneten sie die Türe zu Frau Friedrichs Zimmer. Und schon hörten sie ein leises rhythmisches Klicken. Auf dem weißen Bett lag nun die bunte Wolle und mit einem zufriedenen Lächeln war Frau Friedrichs ganz versunken in ihrer Handarbeit.

Leise schlossen sie die Türe wieder und Lena flüsterte vor sich hin: „Ich komme wieder!“


© Andrea Redmann 2007