Adventskalender

 

Laura war an vielen düsteren Novembertagen durch die Geschäfte gestreift und suchte nach einem passenden Adventskalender für ihren heranwachsenden Sohn.

Sie wollte unbedingt an dieser zwar kindlichen, aber schönen Tradition festhalten. In den vergangenen Jahren war es immer recht einfach gewesen, einen Adventskalender zu finden, der den Wünschen und Vorstellungen ihres Kindes entsprach. In diesem Jahr aber hatten einige Ereignisse die sonst übliche Vorfreude auf das Weihnachtsfest sehr getrübt. Immer wieder hatte der Junge seine Mutter in den letzten Wochen darauf angesprochen, dass er dieses Jahr keine materiellen Wünsche habe und dass es ihm vor dem nun nahenden Fest grauen würde. Es war die Angst vor dem Gefühl des Verlassenseins und der Einsamkeit.

Laura teilte diese Angst. Immer wieder krochen diese Vorstellungen von dem nahenden einsamen Weihnachtsfest in ihr hoch. Es würde kein Familienfest  werden wie in all den Jahren  zuvor.

An manchen Abenden erinnerte sie sich an die Feste der vergangenen Jahre. Mal wurde sie richtig melancholisch, mal wurde ihr bewusst, dass sie diese damalige familiäre Eintracht zu oberflächlich einfach als gegeben angesehen hatte.

Der erste Dezember rückte immer näher und Laura hatte noch immer keinen passenden Adventskalender gefunden. Die einen gaukelten ihr eine Glitzerwelt vor, die anderen versüßten die Tage bis zum Fest nur für wenige Sekunden.

Wieder einmal lag sie nach einem langen trüben Tag am Vorabend des ersten Dezembers in ihrem Bett und die Gedanken ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Plötzlich kam ihr eine Idee: Ihr Sohn und auch sie selbst sollten einen ganz andersartigen Adventskalender in diesem Jahr bekommen. Sie stand auf holte sich 24 Briefumschläge und 24 einfache weiße Briefbögen. Auf die Briefumschläge schrieb sie mit einem dicken Filzstift die Zahlen. Dann nahm sie sich die Briefbögen vor.

Auf jeden Bogen schrieb sie „Zeit“. Dann nahm sie sich jeden Bogen erneut vor und ergänzte:

„Zeit zum Genießen!“, „Zeit für ein Gespräch!“, „Zeit für gemeinsame Erinnerungen!“, „Zeit zum Backen!“, „Zeit zum Träumen!“, „Zeit zum Zuhören!“, „Zeit zum Erzählen!“, „Zeit sich zu besinnen!“, „Zeit für einen gemeinsamen Spaziergang!“, „Zeit zum Lachen!“, „Zeit zum Weinen!“, „Zeit der Hoffnung!“, „Zeit für Freunde!“, „Zeit für sich selbst!“, „Zeit zum Lernen!“, „Zeit sich zu entspannen!“, „Zeit die Sinne zu öffnen!“, „Zeit für Gefühle!“, „Zeit, das Leben zu genießen!“, „Zeit, glücklich zu sein!“, „Zeit, nachdenklich zu sein!“, „Zeit für andere Menschen!“, „Zeit für die Liebe!“, „Zeit zum Leben!“

Sie faltete die Briefbögen und steckte sie in die Umschläge. Ein schlicht dekoriertes Körbchen machte nun aus den Umschlägen den andersartigen Adventskalender, den sie am ersten Dezember auf den Frühstückstisch stellte.